zwei Kinder

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drei Gesichter aus PNG

Mittwoch, 17. November 2010

Er lebt noch...

Jetzt ist es schon fast fünf Wochen her, dass ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Sorry!!! Ich war eine Woche nicht hier. Dann brach mein Internet zusammen, beziehungsweise mein Mailprogramm.

Über das örtliche Handynetz kann ich Mails herunterladen, was allerdings nicht ganz billig ist. Nun hat mir irgendjemand eine Mail mit Anhang geschickt. Der Anhang muss wirklich groß sein, wahrscheinlich viele wunderschöne bunte Bilder oder ähnliches. Wenn ich Glück habe mit einer gaanz modernen Kamera aufgenommen. Je mehr Pixel, desto größer die Datei und so weiter. Diese Mail schwirrte also in meinem Posteingang herum und blockierte jeglichen Download. Nun klappt es zum Glück wieder. Seit Tagen suche ich nach einer Einstellung, mit welcher ich Mails ab einer bestimmten Größe für den Download sperren kann. Wenn jemand weiß, wo das bei Outlook 2010 geht, bitte melden!

Noch einmal die Bitte: Sollte mir jemand eine Mail schicken, bitte KEINE ANHÄNGE!

 

Was ist passiert, seit ich das letzte Mal schrieb? Eine ganze Menge!

Zuerst einmal eine etwas unglückliche Geschichte. Ich habe mich an der Unterseite meines kleinen Zehes geschnitten. Wie mir das passiert ist, bleibt aus guten Gründen unerwähnt;)

Der Zeh musste genäht werden. Bei diesem Klima braucht es sehr lange, bis so etwas verheilt. Entzündungen sind keine Seltenheit. Aus einem kleinen aufgekratzten Mückenstich kann schnell etwas werden, das einen mehr als zwei Minuten am Tag beschäftigt.

Der Fuß musste also genäht und verbunden werden. Das heißt auf Deutsch: Kein Schwimmen, eingeschränkte Mobilität und so weiter. Die Aktion kam mir wirklich mehr als ungelegen. Doch so bin ich eben;)

Da mein Fuß trocken bleiben musste, durfte er leider nicht mehr mit dem Rest des Körpers duschen. Also Stuhl neben die Dusche, Fuß einpacken, Vorhang drüber und los geht’s. Nach einer Woche war das eigentlich ganz normal, am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig.

Am Tag nachdem mein Fuß genäht wurde, flog ich nach Madang. Madang ist eine Stadt an der Nordküste Neuguineas.  Mit einer kleinen Cessna-Maschine starteten wir morgens in Gagidu.

Während des zweiten Weltkrieges spielte sich hier in Finschhafen eine ganze Menge ab. Japaner und Amerikaner lieferten sich härteste Kämpfe. Von der Straße sieht man manchmal Stellen im Wald, an welchen der Boden betoniert ist. Der Busch hat sich einen Großteil wieder zurückerobert. Altes Kriegsgerät, aus welchem Bäume und Sträucher wachsen, ein interessanter Anblick.

Ein paar Männer erzählten, dass der Flughafen in Gagidu einmal der weltweit am zweitöftesten angeflogene gewesen sei. Ob ich dem wirklich Glauben schenken kann, weiß ich nicht so recht.

Egal, wir sollten also nach Madang fliegen. Tags zuvor musste der Flughafen erst einmal gemäht werden. Eine anstrengende Arbeit, die ich zum Glück nicht erledigen musste. Der Flug war wunderschön, ich konnte tolle Bilder von Logaweng und der Küste aus der Luft machen. Plötzlich meinte ich jedoch einen etwas säuerlichen Geruch wahrzunehmen. Irritiert drehte ich an dem Schalter für die Belüftung, bis sich dann herausstellte, dass einem etwas jüngeren Passagier ein kleines Malheur passiert war. Da half auch die beste Tüte nichts mehr. Ich saß genau hinter dem besagten Passagier, was sich dann jedoch als Vorteil herausstellte. Da das Flugzeug eine leichte Rücklage hatte, war das Problem bald an mir vorbeigezogen;)

In einem kleinen Flugzeug sorgt so ein Vorfall schnell für gute Laune. Ich fand den Vorfall in der Tat amüsant, andere Insassen leider weniger.

Es war sehr nett in Madang alle Überseemitarbeiter der Kirche zu treffen. Gerade in so einem Land ist es immer gut zu wissen, wer wo ist und wen man wann kontaktieren kann.

Am Montag den 25 Oktober fuhren wir dann nach Lae. Dieses Mal allerdings mit dem Auto und nicht mit dem Flugzeug. Mit dem Auto zu fahren hat den großen Vorteil, dass man einfach mehr sieht.

Die Fahrt nach Goroka ins Hochland hatte mich sehr fasziniert. Die Fahrt von Madang nach Lae war allerdings etwas weniger spannend. Immer wieder spaßig sind jedoch die Straßenverhältnisse. So eine Straße in Deutschland würde dafür sorgen, dass das Landschaftsbild durch unzählige Schilder mit der Aufschrift „Straßenschäden“ verschandelt werden würde. Wenn man jedoch die jetzige Verkehrssituation auf deutschen Autobahnen bedenkt, kann man davon ausgehen, dass eine Dauerbaustelle entstehen würde.

Wir konnten auch erst losfahren, nachdem noch ein Reifen gewechselt und ein neuer Ersatzreifen gekauft worden war. Jeder Autofahrer sollte niemals losfahren, ohne mindestens einen Ersatzreifen bei sich zu haben.

In Lae wohnte ich bei einem amerikanischen Ehepaar. Ich habe die Abende, die wir zusammen verbrachten, wirklich sehr genossen.

Die Tage verbrachten wir mit Einkaufen und anderen Erledigungen. Um halb acht am Morgen ging es los, um fünf Uhr nachmittags waren wir wieder da. Da ich wahrscheinlich erst im Januar wieder nach Lae kommen werde, kaufte ich eine Menge ein. Den ganzen Tag fuhren wir von Supermarkt zu Supermarkt. Apotheken, Stationaries und diverse andere Läden standen auch noch auf unserer Liste.

In Lae gibt es ein paar Restaurants und Hotels, wo man abends hingehen kann. Den „Lae Yachtclub“ ein chinesisches Restaurant beim Golfclub und die zwei Hotels der Stadt. So nett es dort ist, so befremdlich ist es auch zu sehen, dass in diesen Restaurants fast nur Weiße verkehren. Manche haben dann noch irgendein junges Mädchen dabei, welches in kürzestem Rock und übertrieben geschminkt auftritt. Die Männer sind meistens australische Geschäftsleute.

Am Donnerstagmorgen (28.10) waren wir noch auf dem Markt, bevor es auf das Schiff nach Finschhafen ging. In und um Lae herum wachsen nicht viele Obst- und Gemüsesorten. Genau wie hier gibt es Suesskartoffeln, Tarowurzeln, Kumu, etc.. Eben das typische Essen. Im Hochland hingegen wächst viel mehr. Gemüse und Obst gibt es dort oben in Hülle und Fülle. Mit Lastwagen wird vieles nach Lae gebracht und dann dort auf dem großen Markt verkauft. Leider hatten wir nur sehr wenig Zeit. Ich kaufte alles, was ich irgendwie in die Hände bekam. Wie gerne hätte ich hier in Finschhafen ein Angebot, welches nur annährend so vielfältig ist.

An den Stellen, wo eine Straße aus den höher gelegenen Ebenen auf die Küstenstraße trifft, kann man auch einiges kriegen. Doch meistens leider nicht in Gagidu.

 

Das erste Wochenende wieder in Finschhafen verbrachte ich auf einem Dorf. Um halb sechs am Samstag fuhren wir in Logaweng los. Vier Studenten, zwei Lehrer und ich. Die Fahrt ging Richtung Norden an der Küste entlang. Nach einer Dreiviertelstunde bogen wir ab und fuhren auf den Sattelberg und dann noch ein wenig weiter.

Wenn man die Küstenstraße verlässt geht es sofort bergauf. Ziemlich schnell wird es kühler.

Ziel unseres Wochenendausfluges war ein Dorf namens Nanduo.  Ein Guestteacher aus Deutschland, der für zwei Monate hier ist, sollte dort am Sonntag predigen.

Um halb sechs waren wir in Logaweng aufgebrochen. Bis war dann letztendlich in Nanduo waren, war es fast fünf Uhr am Nachmittag. Unterwegs hatten wir noch einen Spaziergang zu einem andern Dorf unternommen. Geplant war es, dort eine kurze Rast einzulegen um dann wieder zurück zur Straße zu laufen.

Doch es kam alles anders. Ich lernte ziemlich schnell, dass man zu einem Besuch auf einem Dorf sehr, sehr viel Zeit mitbringen sollte. Nichts wird so kommen, wie man es geplant hat. 

Als wir in dem Dorf ankamen, wurden wir in das „Haus Bung“ des Dorfes gebeten. Eine Versammlungshütte, in welcher sich die Dorfältesten und andere wichtige Personen treffen, wenn es etwas zu besprechen gibt. Nach Begrüßungsformeln aßen wir Ananas und Zuckerrohr. Allerdings nur wir Gäste, die Dorfältesten aßen nicht. Als wir später eine warme Mahlzeit serviert bekamen, aßen anfangs auch nur wir Gäste. Die Dorfältesten aßen nicht, obwohl genug Essen für alle da war. Als wir Gäste gegessen hatten, füllte einer der Studenten Essen auf weitere Teller und gab diese den Dorfältesten. Fünf Minuten ließen diese ihre Teller unangerührt vor sich stehen, bevor sie sich mit Heißhunger über ihre Portionen hermachten. War es eine Reaktion des Stolzes, dass die Dorfältesten ihre Teller erst nicht anrührten, gar nicht beachteten, bevor sie aßen? Ich weiß es nicht.

Als wir das Dorf verließen, waren wir mehrere Stunden dort gewesen. Wir hatten zwei Mal gegessen, hatten einen Rundgang durch das Dorf gemacht, mit den Dorfältesten Mittagsschlaf gemacht, Geschichten erzählt und gehört und herumgesessen. Wir brachen auf, als man der Meinung war, wir könnten jetzt aufbrechen und das dauerte eben ein bisschen.

Gegen fünf kamen wir in Nanduo an, wo wir sehr herzlich begrüßt wurden. Eine Familie hatte uns ihre Hütte überlassen, in welcher wir die Nacht verbringen sollten. Auch hier bekamen wir Essen und man kümmerte sich rührend um uns. Immer wieder begegnet mir in diesem Land eine unglaublich herzliche Gastfreundschaft.

Strom gibt es in Finschhafen nur sehr begrenzt. Gagidu, die größte Ortschaft Finschhafens, hat Strom. Weiter in Richtung Norden gehen die Leitungen bis nach Butaweng, wo das Krankenhaus ist. Logaweng liegt auf einem Berg zwischen Gagidu und Butaweng und hat daher Strom. Bis auf Heldsbach haben die anderen Ortschaften keinen Strom. Alles was nicht an der Küstenstraße liegt, sowieso nicht. Heldsbach verfügt über ein kleines durch Spenden finanziertes Wasserkraftwerk.

Das erste Mal in meinem Leben habe ich in einem Dorf übernachtet, welches dauerhaft keinen Strom hat. Dessen wurde ich mir erst bewusst, als ich dort war und mir am Wasserkanister die Zähne putzte. Ohne durch Strom erzeugtes Licht die Abende zu verbringen, ist nicht das Problem. Es gibt genug andere Möglichkeiten. Ohne Strom gibt es jedoch kein fließendes Wasser und das ist es, was man wirklich merkt. Auf den Dörfern müssen die Menschen jeden Liter irgendwo herholen.

In Naduo hatte man uns ein Haus zur Verfügung gestellt. Eine Hütte, welche aus Buschholz gebaut worden war. Das Dach bestand aus Bambusblättern. Hier an der Küste nimmt man Blätter der Sagopalme, doch die wächst in den etwas höheren Gegenden nicht mehr.

Zum Glück hatte ich mir morgens eine Wolldecke eingepackt, es wurde nachts empfindlich kühl. Wieder war ich beeindruckt, wie schnell sich mit der Höhe das Klima ändert. Als wir am Sonntag wieder ans Meer fuhren, konnte ich richtig spüren, wie es mit jedem schwindenden Höhenmeter wieder heißer und schwüler wurde.

 

Den Tag und die Nacht in Nanduo habe ich sehr genossen. Unbedingt möchte ich wieder auf ein Dorf, wenn es geht für längere Zeit. Natürlich ist vieles beschwerlicher, doch man kann sich sicherlich an einiges gewöhnen.

Es gibt keine Wellblechdächer, keine maschinell gefertigten Türen. Alles wird aus Materialen gefertigt, die der Busch hergibt. Bretter müssen eigenhändig hergestellt werden. Das Dach besteht aus Bambusblättern, der Boden aus Bambusmatten. Alle Hütten stehen auf Stelzen, um die Hütte vor Wasser und Kriechtieren zu schützen.

In Nanduo ist es abends um sechs komplett dunkel. Die Menschen sitzen in ihren Hütten um ein Feuer, draußen ist es stockfinster. Keine Straßenlaternen oder hell erleuchteten Fenster. Lange stand ich auf der verlassenen Straße und blickte in den nächtlichen Himmel, welcher aufgrund der vollkommenen Dunkelheit unglaublich beeindruckend aussah. Ein Vorteil des Dorfes ohne Strom!

Es hat mich aber gewundert, wie nachtaktiv die Menschen trotzdem sind. Nachts um eins trugen irgendwelche Mütter Kaukaus und Tee auf, geredet wurde noch deutlich länger.

Ich merke hier wirklich, wie sich mein körperlicher Rhythmus verändert. Ich bin zum Frühaufsteher geworden.

In Logaweng stehe ich morgens um sechs auf. Die erste Stunde beginnt um sieben. Manchmal muss ich aber auch erst um viertel vor acht los. Die frühen Morgenstunden sind meist die Schönsten eines Tages. Ich kann in Ruhe Tee trinken, lesen oder irgendetwas arbeiten. Leider habe ich meine „Lastminute- Eigenschaften“ nicht ganz ablegen können. Oft bin ich morgens daher noch mit Unterricht vorbereiten beschäftigt.

Manchmal setzte ich mich in ein „Haus Win“ (eine kleine offene Buschhütte, welche für Tee und Gespräche gebaut ist) und gucke mir an, wie die Sonne aus dem Meer aufgeht. Ein atemberaubender Anblick.

 

Am 5ten Dezember ist hier am Seminar Graduation. Danach schließt Logaweng für knappe zwei Monate seine Pforten. Die meisten Studenten verbringen die Weihnachtszeit auf ihren Dörfern. Ein Jahrgang muss jedoch hier bleiben um aufzupassen, dass alles an seinem Platz bleibt. Während hier gerade noch sehr viel los ist, wird in der Weihnachtszeit einiges ruhiger. Zeit für Buschwanderungen und andere spaßige Dinge.

Mein Englischunterricht nimmt langsam Form an. Es fiel mir Anfangs etwas schwer von einem Tag auf den anderen ein gutes Unterrichtskonzept zu erarbeiten. In den letzten zwei Monaten konnte ich einiges ausprobieren. In den Ferien möchte ich dann einen Lehrplan erstellen, an welchem ich mich nächstes Jahr orientieren kann. Schwierig ist eben nach wie vor, dass die Kenntnisständer der einzelnen so unterschiedlich sind.

Zurzeit arbeiten wir die verschiedenen Zeiten ab. Gerade sind wir beim „Present Perfect“ angelangt.

Die Bücherei gibt es auch noch. Zum Ende des Jahres besteht meine Hauptaufgabe darin, dafür zu sorgen, dass alle verliehenen Bücher ihren Weg zurück finden, ehe die Studenten Logaweng verlassen. Ich habe vor in der Bücherei vermehrt politische und gesundheitliche Themen zu behandeln. Im ersten Jahr unterrichte ich ein Fach namens „Library Studies“. Ich weise die Studenten in das System der Bibliothek ein und versuche ihnen zu erklären, wie man Gelesenes bewertet und einordnet. Praktisch das, was ich zur Behandlung von Quellen im Geschichtsleistungskurs lernte. Immer wieder kommen Studenten mit Büchern zu mir, deren Inhalt sie als vollkommenen Schwachsinn oder befremdlich bezeichnen. Ich versuche ihnen dann zu erklären, wie man unterschiedliche Autoren behandelt und dass es eben auch interessant sein kann, Texte von Autoren zu lesen, die eine andere Meinung als man selbst haben, da sie vielleicht in einer Gesellschaft mit einem anderen politischen System leben.

 

Gerade lerne ich hier eine ganze Menge zu Konflikten in der melanesischen Kultur. Es gab hier in letzter Zeit zwei Vorfälle, welche uns hier in Logaweng zurzeit sehr beschäftigen.

Im Krankenhaus ist nach langem Leiden der Schwager meines Waspapas (Mentor) gestorben. Aus einem mir unbekannten Grund ist der Verstorbene immer eifersüchtig auf meinen Mentor gewesen. Der Erfolg eines Mannes führt hier oft zu Neidgefühlen anderer. Bei uns ist das ja nicht anders.

Nun ist der Schwager verstorben. In Finschhafen geht nun das Gerücht um, mein Waspapa habe seinen Schwager verzaubert. Der Tod sei aufgrund dieses Zaubers eingetreten. Das ist natürlich kompletter Unsinn, aber die Menschen glauben so etwas.

Hier in Neuguinea funktioniert alles nach dem „Wantok-System“. „Wantok“ bedeutet so etwas wie Clan. In der Regel bestehen diese Clans aus Verwandschaftsverbänden, Sprachgruppen und Dorfgemeinschaften.

Auf knappe sieben Millionen Einwohner kommen in Neuguinea etwa 800 verschiedene Sprachen. Es ist klar, dass Angehörige einer Sprachgruppe ein besonders Verhältnis und Verbundenheitsgefühl verbindet. Zwar spricht der Großteil der Bevölkerung neben der Ortssprache auch noch Tok Pisin, doch eine traditionelle Sprache verbindet.

Leider sterben viele Stammessprachen aus. In Nanduo traf ich jedoch einige Männer, die nur Kote sprachen. Meine Sprachkenntnisse in Kote beschränken sich jedoch auf die Begrüßungsformeln und das wird wohl auch so bleiben.

Wenn ein Wantok eines Mannes ein Problem hat, hat dieser zu seinem Wantok zu stehen. Das Verbundenheitsgefühl unter Wantoks ist, vor allem in Konfliktsituationen, sehr ausgeprägt.

Wenn einem Wantok Schaden zugefügt wird, wird Rache geübt. Meistens geht es um Land, Schweine oder Frauen. Das mag jetzt vielleicht etwas komisch klingen, ist aber so. Solche kämpfe können brutalste Ausmaße annehmen. Vor ein paar Wochen brach zwischen zwei Nachbardörfern ein Kampf aus, bei welchem mehrere Männer ums Leben kamen. Mit selbstgebastelten Waffen waren Männer erschossen worden. Ein Streit um Land war eskaliert. Land ist die Lebensgrundlage der Menschen. Wenn sich die Population eines Dorfes vergrößert, wird mehr Ackerfläche benötigt. Wenn es keine Expansionsmöglichkeiten gibt, kommt es zu Konflikten.

Als nun der Schwager meines Waspapas starb, und ein böser Zauber als Todesursache genannt wurde, wollte der Clan des Verstorbenen Rache üben. Im Heimatdorf meines Waspapas tauchten also bewaffnete Männer auf und brannten die Häuser des „bösen Zauberers“ nieder. Damit nicht genug. Ein paar Tage später kamen die Männer wieder und zündeten auch noch die Häuser der Familienmitglieder meines Waspapas an. Diese wollen sich dies wiederum nicht gefallen lassen und möchten sich jetzt rächen.  Ein Zauber, den es nebenbei erwähnt gar nicht gibt;), kann also die Ursache für monatelange Konflikte und blutige Kämpfe sein.

Meinem Waspapa ist es nun gelungen, seine Familie vorerst davon zu überzeugen, dass Rache in diesem Fall nicht unbedingt das Richtige ist und nur mehr Schaden anrichten würde. Ob diese Einsicht jedoch länger bestand hat, ist mehr als ungewiss. Zum Glück ist mein Waspapa in seinem Wantok ein Mann mit Einfluss, da er Erfolg hat und vieles finanziert. Sobald ein Mann erfolgreich ist, übernimmt er Verantwortung für seine Wantoks. Oft kommt es vor, dass die Schulgebühren eines Kindes von irgendeinem Wantok aus der Stadt bezahlt werden.

 

Nun zum zweiten Vorfall.

Am Wochenende ist bei einer deutschen Frau eingebrochen worden. Es ist nicht das erste Mal, dass bei ihr gestohlen wurde, doch dieses Mal ist die Tür gewaltsam aufgebrochen worden. Vorhergegangene Diebstähle konnten einem Täter zugeordnet werden. Einem 15jährigen Jungen, der mit seiner Familie in Logaweng lebt. Man hatte damals die Polizei informiert, die jedoch nichts unternommen hatte, da der Junge nicht volljährig war und damit den Gesetzen des Vaters unterstand. Damals war allerdings keine Taskforce in Finschhafen.

Bei dem letzten Einbruch am Wochenende ist das Haus nicht vollständig durchsucht worden. Der Täter hat lediglich die Stellen im Haus aufgesucht, an welchen die Wertgegenstände gelegen hatten, die beim letzten Mal gestohlen worden waren. Es ist naheliegend, dass man nun davon ausgeht, dass es wieder der Junge war der schon vorher gestohlen hatte. Zudem hat dieser Junge heute versucht, Gestohlenes zu verkaufen.

Wenn Männer von den Dörfern in ein Haus einbrechen, nehmen sie alles mit, was ihnen in die Hände fällt. Einer einheimischen Lehrerin ist das passiert. Die Einbrecher hatten alles mitgenommen, was sie irgendwie tragen konnten. Reis, Nudeln, Teller, einen Regenschirm, Schuhe, Geld und vieles mehr. Der deutschen Lehrerin fehlen „nur“ Geld und ihr Handy. Ihr zweites. Das letzte und deutlich mehr Geld war bereits vor ein paar Wochen gestohlen worden.

Der Einbruch bei der deutschen Lehrerin hat hier für Unruhe gesorgt. Noch am selben Abend haben sich alle Deutschen getroffen. Entsprechend des Wantok-Systems hatte man uns geraten, geschlossen aufzutreten.

Um Zusammenhalt zu demonstrieren und um ein Zeichen zu setzten, legten alle Deutschen ihre Arbeit nieder.  Dieser Beschluss stieß am Seminar auf Sympathie. Mir war es anfangs wirklich fremd, wegen so einer Angelegenheit, die Arbeit niederzulegen. Doch in der melanesischen Kultur wird das so praktiziert. Sobald jemand ein Problem hat, ein Mensch stirbt oder ein anderes Unglück passiert, stehen alle Räder still. Und es sollte hier noch weitergehen.

Am nächsten Tag suspendierte der Schulleiter das gesamte Seminar. Seit Montag läuft hier gar nichts mehr. Es findet kein Unterricht statt, die Bibliothek, der Kindergarten und die Grundschule bleiben ebenfalls geschlossen. Hier wird erst wieder Normalität einkehren, wenn der Einbrecher Finschhafen verlassen hat. Das Leitungsgremium des Seminars hat der Familie ein Ultimatum gestellt.

Ich finde es sehr spannend und interessant zu sehen, wie hier mit diesem Einbruch umgegangen wird. Die Lehrerin ist beliebt. Sofort sind Studenten zu ihrem Haus gekommen um sie zu bewachen. Nachts schlafen nun Studenten vor ihrem Haus, den ganzen Tag sind Menschen vor Ort. Wenn einem Melanesier Schaden zugefügt wird, den ein anderer sehr gerne hat, fühlt dieser andere sich persönlich angegriffen.

Der Einbruch wird als Angriff auf die Persönlichkeit der Lehrerin gesehen. Da die Lehrerin in der Gemeinschaft Logaweng lebt, fühlt sich nun die Gemeinschaft geschädigt. Viele Studenten sind sehr erbost und sprachen davon, den jungen Täter zu verprügeln. Es ist zum Glück gelungen, die Wogen insofern zu glätten, dass dem Jungen bisher nichts passiert ist.

Noch immer ist die Taskforce der Polizei, eine Art paramilitärische Einheit, in Finschhafen stationiert. Die Taskforce war angerückt, als es hier die Kämpfe zwischen den beiden Dörfern gab und es vermehrt zu Einbrüchen und Überfällen gekommen war. Leider sind diese Männer nicht gerade für ihr sanftes und friedliches Vorgehen bekannt. Straftäter oder Verdächtige werden regelmäßig auf übelste Art und Weise verprügelt. Eine sehr beliebte Präventionsmaßnahme ist das Ausschlagen von Zähnen, Brechen von diversen Knochen oder ein gezielter Schuss ins Knie oder den Fuß. Kaum vorstellbar, aber leider war. Wenn die Opfer Glück haben, werden sie anschließend ins Krankenhaus gebracht.

Diese Männer mit ihren Gewehren zu sehen, ist für mich mehr als befremdlich. Der junge Täter muss vor jeglicher Gewalt geschützt werden, vor allem vor der Taskforce der Polizei. Sollte der Junge ins Gefängnis kommen, droht ihm dort ebenfalls außerordentliche Gewalt. Die deutsche Lehrerin ist Seelsorgerin und mit Studenten regelmäßig im Gefängnis, um mit den Insassen zu sprechen. Sie ist dort sehr beliebt. Einem Jungen, der bei der Seelsorgerin eingebrochen ist, würde es dort sicherlich nicht gut ergehen. Vor allem auch von Seiten der Wärter, welche nicht gerade für ihre ruhige Hand bekannt sind.

Eigentlich hätten diese Woche die Finaltests geschrieben werden müssen. In zwei Wochen ist Graduation. Doch solange es diesen Konflikt gibt, werden die Testbögen unangerührt bleiben. Arbeiten können noch so wichtig sein, es passiert wirklich nichts.

Ich mache mir Sorgen, dass einige Bücher nicht mehr abgegeben werden, während ein Jahrgang seine Exams nicht schreibt. So eine Situation an einer deutschen Hochschule – unvorstellbar! Man hält hier sehr zusammen und zeigt Mitgefühl. Auf wirklich besondere Art und Weise.

 

Während es in Deutschland immer kälter wird, geht es hier in die trockene Phase des Jahres. Tagsüber ist es extrem heiß, regnen tut es nicht mehr so oft. Da ich mein Wasser über einen Regenwassertank beziehe, ist jetzt haushalten angesagt.

Am letzten Wochenende bin ich auf einer Buschwanderung gewesen. Die Schönheit der Natur raubt einem schier den Atem. Regenwald, wie aus dem Bilderbuch. Besonders faszinieren mich die Schmarotzerpflanzen, die beinahe jeden Baum zu befallen scheinen. Lianen sieht man sehr oft, aber auch viele andere Pflanzen dieser Art. Teilweise schaffen es Schmarotzer sogar, einen großen Baum in die Knie zu zwingen. Der Baum ist dann fast vollständig von der Schmarotzerpflanze befallen und scheint unter der Last zusammenzubrechen.

Oft kann man nur ein paar Meter weit sehen, da das Unterholz sehr dicht ist. Hin und wieder schlängelt sich ein Fluss durch das Unterholz, welcher in Wasserfällen abfallend, dem Meer entgegenfließt. Unter den Wasserfällen haben sich meistens Pools gebildet, in welchen man herrlich schwimmen kann. Einfach traumhaft!

 

Ja, mir geht es hier sehr gut. Ich wundere mich, dass ich bald schon drei Monate hier bin. Wie schnell die Zeit vergeht…

Ich bin sehr gespannt, wie es ist, Weihnachten in den Tropen zu verbringen. Und so etwas wie Advent gibt es ja auch noch. Glühwein bei 38 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit, ich werde ein Foto machen! Wenn ich nachmittags einen Tee trinke, bin ich anschließend stets reif für Dusche. Ein guter Freund von mir würde die Situation mit der Aussage „ich zerlaufe“ beschreiben..;)

Beste Voraussetzung für meinen Glühwein, doch der muss einfach sein!

 

Ihr Lieben, ich hoffe sehr, dass es euch allen gut geht.

Ich stelle gerade ein paar Fotos zusammen, die ich demnächst hier hochladen möchte. So warum und herrlich dieses Wetter auch ist, das graue Hamburger Novemberwetter fehlt mir natürlich. Manchmal denke ich mir, dass man erst so richtig schätzen kann, was man zu Hause hat, wenn man länger weit weg ist.

 

An die, die im Februar ihr Abi schreiben: Macht euch keinen Stress, ab Januar lernen, reicht vollkommen!

In diesem Sinne, ich wünsche euch allen eine geruhsame Adventszeit auch wenn ich weiß, dass die Zeit vor Weihnachten meist alles andere als entspannt ist.

 

Liebe Grüße aus Neuguinea,

Johann

 

p.S.: Bitte entschuldigt Zeichensetzungs- und Rechtschreibfehler. Ich bin seit fünf Monaten nicht mehr in der Schule gewesen und etwas aus der Übung.;)

Am Computer übersehe ich außerdem Vieles und jetzt noch einmal alles durchlesen – ne, tut mir Leid!