zwei Kinder

zwei Kinder
drei Gesichter aus PNG

Montag, 7. März 2011

Frühjahr 2011

Oh je, viel zu lange habe ich mich nicht gemeldet. Die Zeit vergeht wie im Flug, es ist viel passiert. Ich will versuchen, die letzten zwei Monate zusammenzufassen.

So eine lange Berichtspause soll nicht noch einmal vorkommen.

 

Im Dezember hatte ich dem Januar eher skeptisch entgegengesehen. Logaweng würde weiterhin leer sein, ich hatte nicht damit gerechnet, viel zu tun zu haben.

Doch kommt es meistens anders, als man es sich denkt. Gerade hier.

In Finschhafen gibt es ein Krankenhaus, das Braun Memorial Hospital. Schon im letzten Jahr hatte ich immer den Wunsch gehegt, vielleicht einmal in den Alltag des Krankenhauses hineinschnuppern zu können.  Die Unterrichtsfreie Zeit im Januar wäre doch perfekt, so dachte ich. So fragte ich eine Ärztin, ob ich zwei Wochen im Krankenhaus arbeiten könne. Ich würde alles machen, versicherte ich. Diese Zusicherung hörte man sehr gerne, denn zu tun gab es genug.

So fuhr ich am dritten Januar das erste Mal mit ins Krankenhaus. Die besagte Ärztin lebt in Logaweng, was mir den Transport sehr erleichterte. Ziemlich schnell fand ich meine Aufgaben im OP, wo ich am besten helfen konnte. Personalmanagement wird in Neuguinea anders als in Europa gehandhabt. So auch im Krankenhaus. Ein Großteil des medizinischen Personals war nach Neujahr noch nicht im Krankenhaus erschienen. Man war krank, im Urlaub oder hatte sich überhaupt nicht abgemeldet. Anfangs war im OP nur eine Krankenschwester anwesend. Eine sehr nette, jedoch etwas wuselige, ältere Dame. Sie war immer mal hier, mal dort. Oft verschwand sie während einer kleinen Operation und tauchte dann irgendwann wieder auf. Ich würde sie wirklich als gute Seele des OP´s bezeichnen, jedoch nichts als fähig, den Betrieb im OP alleine zu schmeißen. Was man allerdings auch von niemandem erwarten kann. Für mich gab es auf jeden Fall genug zu tun.

An einem Tag räumte ich einen der beiden Säle aus und sorgte für eine kleine Grundreinigung, die der Saal so langsam mal wieder nötig hatte. Da war ich mit den Ärzten einer Meinung.

Da die hygienischen Zustände auf den Stationen einen Verbandswechsel meist nicht zulassen, finden Verbandswechsel oft in einem der OP-Räume statt. Grundsätzlich gibt es zwei Räume, einen für die infizierten und blutigen Wunden und einen für größere Eingriffe. Im kleinen OP-Raum wechselten wir täglich Verbände und versorgten „frische“ Wunden. Ein Großteil der Verbandswechsel fand unter Vollnarkose statt, da ein Entfernen der meist festgeklebten Verbände für die Patienten ohne die Narkose zu schmerzhaft gewesen wäre. Verständlich, wenn man die Schwere der Verletzungen betrachtet, die in dem kleinen OP-Raum verbunden wurden.

Neujahr war vergangen, eine Zeit, in welcher ausgiebig gefeiert und getrunken wurde. Die Zeit um Weihnachten und Neujahr ist in Neuguinea meist nicht die Sicherste und Ruhigste. Vor Weihnachten war es in Finschhafen zu ein paar Zwischenfällen gekommen, weswegen eine Sondereinheit der Polizei, die sogenannte Taskforce, in Finschhafen weilte. Es waren Männer der Taskforce, die dem Krankenhaus einige Patienten bescherten. Über die Schamlosigkeit der Beamten war ich erstaunt. Erst vernehmen sie Kriminelle, vielleicht sind es auch nur Verdächtige, auf eine Art und Weise, die den jungen Männern einen längeren Krankenhausaufenthalt beschert, um dann ständig auf der Matte zu stehen, um zu fragen, wann sie die Patienten denn mitnehmen könnten. Ganz selbstverständlich. Als sei es das Normalste auf der Welt. Anderes Land, andere Sitten..

 

Besonders ans Herz gewachsen ist mir ein Junge, der in seinem Dorf ins Feuer gefallen war und daraufhin mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht worden war. Der rechte Arm war bis auf das Fleisch verbrannt, ein großer Teile des Rippenbereiches ebenfalls. Die Verbände konnten wir nur unter Vollnarkose wechseln. Der Mut und die Kraft des Jungen beeindruckten mich sehr. Es war rührend, wie er sich bedankte. Einmal hörte er nicht mal unter Narkose auf. Ich habe den Jungen noch ein paar Mal auf der Kinderstation besucht und hoffe sehr, dass er es bald geschafft hat und mit seiner Familie nach Hause gehen kann.

In meinen zwei Wochen im Krankenhaus bekam ich eine Menge zu sehen und zu hören. Es waren aber nicht nur traurige Dinge, es gab auch wirklich lustige Situationen. Ein paar Mal die Woche gibt es die sogenannte Doctor´s Clinic. Die Menschen aus Finschhafen können dann vor einem Arzt vorsprechen, wie in einer Hausarztpraxis. Nur das ein deutscher Hausarzt sicherlich weniger lustige Krankheitsbilder vorgestellt bekommt. Eine Frau kam mit Kopfschmerzen, die sie habe, so sagte sie, seitdem ein Blitz in ihren Kopf eingeschlagen sei. Von ihrem Krankheitsverlauf war sie nicht abzubringen. Eine andere kam mit Fingernägelschmerzen.

Eines Nachmittags war ich mit dem deutschen Chirurgen im OP, als eine andere Ärztin in der Tür stand. Sie hätte einen Patienten, dessen Familie geträumt habe, dass er unfruchtbar sei. Und tatsächlich funktioniere seine Männlichkeit sein einigen Wochen nicht mehr so richtig, das würde er zumindest sagen. Er wolle nun nicht gehen, bis man ihn untersucht habe. Um ihn besser überzeugen zu können, solle ich mitkommen. Um älter auszusehen kam ich mit Mundschutz und Haarnetz. Nachdem die Ärztin den Alten ausführlich untersucht und ich mich bemüht hatte, möglichst professionelle Laute von mir zu geben, konnte ich den Raum wieder verlassen. Der Patient war zufrieden. Ich muss jedoch so gegrinst haben, dass meine verzerrten Gesichtszüge auch unter dem Mundschutz zu erkennen gewesen waren. Egal, ich hoffe, dass die Familie des Patienten wieder in Ruhe von Fruchtbarkeit und Kindern träumen konnte…

Immer wieder eine Freude ist die Kommunikation. Das melanesische Pidgin ist einer Sprache, in welcher man sich oft in Bildern ausdrückt. Es gibt wenige Wörter, vieles muss umschrieben werden, was zwangsläufig zu Missverständnissen führt. Einmal übersetzte ich für einen Arzt. Auf die Frage, ob das Bein seit drei Tagen schmerzen könnte, bejahte die gute Frau. Ob es nicht doch schon eine Woche schmerzhaft sei? „Ja.“ „Ja, was denn nun?“ Schon wieder ein ja. Klasse, so macht das Spaß. Man braucht eben viel Geduld. Wie bei so vielem hier.

Während meiner zweiten Woche im Krankenhaus war ein Team von Augenärzten in Finschhafen, um zu operieren. Die beiden Ärzte waren von der Christoffel-Blinden-Mission entsendet worden. Einer, Amerikaner, kam eines Tages auf dem Flur zu mir und fragte, ob wir irgendetwas hätten, womit man eine Schlage entfernen könne. Zuerst war ich etwas irritiert, doch dann zeigte mir der Arzt hinter einer Kiste eine Schlange. Das Tier war jedoch so klein, dass wir es mit einer langen Pinzette hinter dem Kopf greifen und entfernen konnten.

Zwei Wochen sind nicht lang. So kam mir meine Zeit im Krankenhaus sehr kurz vor. Ich habe jeden Tag genossen und Spannendes erlebt, auch wenn ich Abend nichts mehr ging.

 

Am 18ten fuhr ich nach Lae um einen Freund abzuholen, der mich für zehn Tage besuchen kam. Ich habe die Zeit mit ihm unglaublich genossen. Ich wurde ausführlichst über Hamburger Gossip informiert, sehr spannend. Natürlich war es traurig, als er am 30ten Januar wieder ins Flugzeug stieg, doch ist der Abschied ja nur für ein halbes Jahr.

 

In der ersten Februarwoche lief hier in Logaweng der Unterricht wieder an. Ich blieb jedoch nur eine Woche, um dann zu meinem Weltwärts-Zwischenseminar aufzubrechen. Im Südpaziik gibt es vier Weltwärts-Freiwillige. Von zweien erfuhr ich erst im Februar. Da bin ich in Neuguinea, zwei sind auf einer der Fiji-Inseln und ein vierter ist auf einem Atoll in Kiribati. Der junge in Kiribati und ich sind beide mit ddem NMZ unterwegs, während die anderen beiden mit einer anderen Organisation ausgereist sind. Um besser reflektieren zu können, sollten alle Weltwärts-Leute im Südpazifik an dem gleichen Zwischenseminar teilnehmen. Beklagen konnte ich mich nicht!;)

Es ist generell etwas aufwendig nach Neuguinea zu kommen, denn viele Flüge gibt es nicht. Jeder internationale Flug geht über die Hauptstadt Port Moresby. So auch der nach Fiji, doch bevor ich das angebliche Südseeparadies erreichen sollte, stand noch eine Nacht in Brisbane an.

Zuerst also Port Moresby. Ich reiste mit einer NMZ-Mitarbeiterin, die in Lae lebt und arbeitet. Da sie viel Erfahrung mir Freiwilligen-Arbeit hat, sollte sie das Zwischenseminar leiten. In Port Moresby hatten wir einige Stunden Zeit, die wir nutzen, um mit einem Fahrer durch die Stadt zu fahren und uns diese etwas anzusehen.

Port Moresby hat keine Straßenanbindung an den Rest des Landes. Eine, für eine Hauptstadt eines Landes im einundzwanzigsten Jahrhundert, etwas ungewöhnliche Eigenschaft. Port Moresby unterscheidet sich sehr von den Teilen Neuguineas, die ich bisher gesehen habe. Es gibt gute Straßen, Ampeln, hohe Gebäude, mit meterhohen Elekrozäunen und Mauern gesicherte Botschaften, einen richtigen Hafen. Armut ist allgegenwärtig, die Kriminalitätsrate ist sehr hoch. Der westliche Einfluss ist deutlich sichtbar. Man sieht wirklich, das Port Moresby von dem Rest des Landes abgekapselt ist. Für viele Menschen hier ist die Hauptstadt des eigenen Landes weit, weit weg. Ein teurer Flug oder eine längere Schiffsreise wären nötig um sie zu erreichen und das können sich die meisten nicht leisten.

Von Port Moresby flogen wir nach Brisbane und dann früh am nächsten Morgen weiter nach Nadi, in Fiji. Von dort ging es mit einem Bus weiter in die Hauptstadt, nach Suva. Insgesamt war ich zehn Tage in Fiji.  

Der Kurs war inspirierend und hilfreich. Wir haben viel reflektiert und zudem die Vorzüge einer westlichen Stadt wie Suva genossen. Denn westlich ist Fiji, zumindest das, was ich von der Hauptinsel Viti Levu sah. Landschaftlich ähnelt Viti Levu Neuseeland. Zwischendurch konnte man denken, man sei in Irland. Grüne, saftige Wiesen, Kühe, eine sehr geordnete Natur. Mit Neuguinea hatte das Ganze nichts zu tun.

In Fiji kann man sich tagsüber frei bewegen. Es gibt viele Touristen, Bars, Restaurants, Mc Donald’s, Geldautomaten, die zur Straße rausgehen. Für wenig Geld kann man überallhin mit einem Taxi fahren. Es gab Wireless, eine tolle Erfindung!;)

So einiges, was im letzten halben Jahr zwangsläufig auf der Strecke blieb, konnte erfolgreich aufgeholt werden.;) Eben die Vorzüge der westlichen Freizügigkeit.

Am 21ten flog ich dann wieder zurück nach Neuguinea. Nach einigen Stunden Wartezeit in Port Moresby, war ich wieder in Lae.

Ich habe die zehn Tage in Fiji sehr genossen. Ich habe doch so einiges erlebt, womit ich nicht wirklich gerechnet hatte. Dass es ein ungewohntes Gefühl sein würde, wenn ein Auto, ohne auf Schlaglöcher achten zu müssen, wie selbstverständlich 100 fährt. Das ganze Leben in Suva, die ganzen Weißen in Brisbane. Als ich in Fiji war freute ich mich bereits wieder auf Neuguinea. Wenn man einen Ort verlassen hat, weiß man eigentlich erst, wie gerne man ihn hat. Die Erfahrung habe ich bereits im September letzten Jahres gemacht. Ja, mir ist das hier alles irgendwie sehr ans Herz gewachsen. Die Menschen, die Natur, das ganze Leben. Fiji zeigte mir, wie anders es hier ist und gerade das habe ich in Fiji vermisst. Voller Vorfreude reiste ich wieder in Neuguinea ein.

Ich bin jetzt ein halbes Jahr hier und habe, wenn ich meinen Urlaub miteinrechne, nur noch fünf Monate. Einen Teil der Wochenenden ist bereits verplant. Ich muss gewisse Dinge, die ich mir vorgenommen habe, jetzt langsam angehen. Im Mai kommt die Regenzeit und dann wird einiges sicherlich nicht mehr gehen. Regenzeit, wie das wohl wird. Zurzeit ist es hier selbst für die Trockenzeit ungewöhnlich trocken. Die Rasenflächen werden braun. Seit Ende Januar habe ich kein Wasser mehr. Der Tank ist leer. Ich muss das Wasser seitdem von außerhalb holen. Duschen kann ich in einem Haus, doch ist das Wasser nicht das Beste. Daher hole ich mein Wasser für den alltäglichen Gebrauch an einem anderen Ort und das Trinkwasser  nochmal woanders. Jetzt, wo ich jeden Liter schleppen muss, merke ich, wie viel Wasser man so verbraucht. Allein die Spülung der Toilette, oh je.

Es ist zwar etwas mühsam, das ganze Wasser zu schleppen, doch schlimm ist es nicht. Kritisch wird es hingegen in den Gärten der Leute. Da die Menschen hier Selbstversorger sind, sind sie von ihren Gärten abhängig. Wenn es nicht bald regnet, wenn Bananen und Süßkartoffeln nicht geerntet werden können, kommt irgendwann der Hunger. So war es vor ein paar Jahren.

Viele Dörfer haben Probleme mit der Wasserversorgung, da Flüsse und Bäche nur noch sehr wenig Wasser führen. Bei den Studenten geht es noch. Noch. Immer heißt es, bald kommt ja die Wechselzeit zwischen Trocken- und Regenzeit. Was ist, wenn sich diese Zeiten irgendwann verschieben und man sich auf nichts mehr verlassen kann? Das haben die Menschen nicht begriffen, natürlich nicht. Global Warming wird hier einschlagen wie eine Bombe. Wenn es nicht regnet, kommt der Hunger, so ist das eben. Im Dezember war ich auf einer Insel, Tami Island. Damals sah ich mit erschrecken, wie schlecht die Wasserversorgung dort ist. Gebadet wurde in einem Erdloch, welches mit Brackwasser gefüllt war. Trinkwasser entnahmen die Menschen einigen Regenwassertanks, die schon damals nicht mal mehr bis zur Hälfte gefüllt waren. Ich werde wahrscheinlich bald wieder ein Wochenende auf Tami sein, mal sehen, wie das wird. Ein Südseeparadies mit großen Problemen.

Jetzt bin ich also wieder hier. Es ist früh am Morgen. Um diese Zeit kann ich am besten schreiben, es ist noch nicht so heiß. Demnächst geht die Sonne auf, dann muss ich den Platz wechseln. Es erwartet mich ein normaler Tag, mit Morgenandacht, Unterricht, Kindergarten, Arbeiten in Office und Bibliothek. Ich habe per Post ein paar Spiegel-Hefte bekommen, die ich gerade nacheinander durchlese. Jeden Morgen erhalte ich eine Mail von tagesschau.de, welche mich ein bisschen auf dem Laufenden hält. Spannend, was gerade alles so passiert. Leider fehlen mir die Bilder zu all den Ereignissen. Letzte Woche habe ich einen kleinen Vortrag über die Neuigkeiten aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Neuseeland gehalten. Sehr spaßig, auf Tok Pisin. Gavman nogut, die böse Regierung..;) Man muss jedoch aufpassen, wie man sich ausdrückt, denn sobald es in Richtung Kämpfe oder Kriege geht, kann hier vieles falsch verstanden werden.

Den März werde ich hier sein. Anfang April kommt mein Vater, auf welchen ich mich sehr freue. Anschließend werde ich vielleicht eine Woche im Hochland verbringen, was traumhaft wäre. Es ist dort einfach so anders, im September war ich ja schon einmal dort oben.

Ach ja, mein Haare sind ab. Zuerst war ich in Suva bei einem Chinesen, der mir keine Koteletten schneiden wollte, da das gegen sein Prinzip sei. Er sprach kein Englisch, weswegen immer jemand übersetzten musste. Anstrengend, diese Leute! Dort fiel jedoch schon mal ein Großteil meiner Matte. Dann war ich bei einem Inder und bat ihn, mir einen anständigen Herrenschnitt zu verpassen. Kurz, oben nicht zu kurz, genug für einen Scheitel. Was macht der Mann? Rasiert Seiten und Hinterkopf bis auf 2,5 Millimeter und lässt oben alles dran. Stufen unmöglich. Ein Topschnitt wie aus dem Bilderbuch, nur schlimmer! Als der gute Mann Anstalten machte, in meinen Haaren rumzupudern und mir den Kittel abzunehmen, ordnete ich kurzen Prozess an. Jetzt habe ich eine Radikalfritsche von 2,5 Millimetern. Spart Shampoo und ist isoliert nicht..;)

In diesem Sinne, ich hoffe sehr, dass es euch allen gut geht und der Frühling so langsam kommt. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt Socken getragen habe, wo sind die Dinger überhaupt??:D

Sollte mein billigeres Telefonmodem wieder funktionieren, lade ich demnächst Bilder hoch. Noch einmal, es tut mir Leid, dass so lange Pause war, das kommt nicht wieder vor!

 

Ganz liebe Grüße aus Neuguinea,

Johann