zwei Kinder

zwei Kinder
drei Gesichter aus PNG

Montag, 2. Mai 2011

Vater, Hochland, Erdbeben und ein Hosenpinkler.

Oh je, schon wieder ist es viel zu lange her, dass ich mich gemeldet habe.

So will ich wieder berichten, was ich in den letzten zwei Monaten erlebte.

Den März verbrachte ich vollständig in Logaweng. Ich hatte viel zu tun und genoss einfach das Leben hier. Abgesehen von den zehn Tagen im Februar, hatte ich seit Anfang Dezember nicht mehr unterrichtet. Zwar hatte ich genug zu tun gehabt, doch fand hier in Logaweng nun endlich wieder so etwas wie ein geregelter Alltag statt. Morgenandacht, Unterricht, Nachmittagsaktivitäten.

Es sind doch ein paar herausragende Ereignisse, die ich unbedingt erwähnen muss. Natürlich das Erdbeben in Japan und vor allem der darauf folgende Tsunami. Auch wir hatten eine Tsunamiwarnung. Ich wunderte mich, wie schnell wir gewarnt wurden. Das sogenannte „National Desaster Centre“ hatte über den lokalen Mobilfunkanbieter Warn-Sms verschicken lassen. Wir waren gerade im sogenannten „Haus Bung“ (Haus Treffen, Versammlungshaus) versammelt, als die Handys piepten. Ich war zuallererst irritiert, glaubte an einen Scherz. Als jedoch mein Vater ein paar Minuten später anrief und sich nach meinem Aufenthaltsort erkundigte, wusste ich, dass es ernst war. Nun sind wir hier in Finschhafen jedoch relativ geschützt. Im Norden befinden sich die langgestreckte Insel New Britain und die Insel Siassi. Natürlich können uns Tsunamis aus dem Norden erreichen, es ist jedoch eher unwahrscheinlich. Die Gefahr droht von den Salomonen, von wo in der Vergangenheit schon mehrere Tsunamis kamen.

Das Mobilfunknetz Neuguineas erschließt nur kleine Landstriche. Der Großteil des Landes hat demnach keinen Zugang zu Telefonen, eine Warnung erreichte diese Menschen nicht. Nicht weit nördlich von Logaweng endet die Reichweite des Sendemastes. Eine Gruppe von Studenten war mit einer Lehrerin nach Sialum, nördlich von Finschhafen, gefahren. Wäre ein Tsunami gekommen, hätt er Sialum sicherlich getroffen, der Schutz durch die Inseln besteht dort nicht. Die Gruppe übernachtete in einem Dorf, genau am Wasser. Am Sonntag nach dem Tsunami kamen die Studenten gut gelaunt nach Hause, ohne eine Ahnung davon zu haben, was in Japan geschehen war. Wäre die Nordküste Neuguineas von einem Tsunami getroffen worden, wäre der Großteil der Küstenbewohner nicht gewarnt gewesen. Natürlich hatten alle anderen hier in der Gegend die Tsunamiwarnung ebenfalls erhalten. Den ganzen Abend und die ganze Nacht kamen Menschen den Berg hinauf, um bei uns zu übernachten. Auch als der Tsunami schon längst hätte hier sein müssen.

Zwei Wochen später erfuhr ich, dass die Stadt Wewak im östlichen Sepik-Gebiet von einem Tsunami getroffen worden war. Die Welle war jedoch nicht hoch gewesen. Das örtliche Krankenhaus, dessen Patienten und Personal evakuiert worden waren, wurde überschwemmt. Der größte Schaden entstand jedoch durch Plünderungen. Sobald das Krankenhaus evakuiert worden war, hatte man alles, was nicht festgenagelt war, gestohlen.

Die Kernschmelze in Japan beunruhigte mich sehr. Täglich las ich meine kurze Nachrichtenmail, welche ich von tagesschau.de zugesandt bekam.  Die Texte sind jedoch sehr knapp gehalten und geben einem wirklich nur einen kleinen Überblick über aktuelle Geschehnisse. So gut es ging, versuchte ich mich zu informieren.

Da die Einheimischen ansonsten kaum Zugang zu Informationsquellen haben, informierten wir. An einem Morgen erklärte ich das Phänomen Kernschmelze. Auf Tok Pisin, eine kleine, große Herausforderung. Immer wieder wiederholte ich mich, beschrieb und erklärte mit Hilfe einfachster Schilderungen. Tok Pisin ist eine Bildersprache, also malte ich fleißig. Die Auswirkungen so einer Kernschmelze können sich hier die wenigsten vorstellen. Das alles ist weit weg, man lebt hier fast ohne Einflüsse von außen. Atomkraftwerke gibt es hier nicht.

Abgesehen davon, dass bald Gerüchte aufkamen, Kinder dürften nicht mehr draußen spielen, da der Regen gefährlich sei, wurde die Atomkatastrophe von Japan nicht weiter behandelt. Ein Konflikt zwischen zwei unserer Nachbardörfer überschattete Japan etwas. In der folgenden Woche versuchte ich so gut es ging zu informieren. Regelmäßig holte ich Informationen von der Weltgesundheitsinformationen ein, um den Gerüchten von gefährlichem Regen entgegentreten zu können.

In der dritten Märzwoche regnete es eines Nachts. Ich saß wach in meinem Bett, wegen der Lautstärke, aber vor allem weil ich mich so freute. Seit Ende Januar hatte ich nun kein Wasser mehr im Tank gehabt. Jeden Eimer hatte ich schleppen müssen, meine Toilette hatte ich eisern gemieden. Pro Spülung braucht man einen Eimer…

 Als ich am nächsten Morgen meinen Tank überprüfte und feststellte, dass dieser bis zum Rand gefüllt war, konnte ich es kaum glauben. Da guckt man wochenlang in jede Wolke und hofft auf einen kleinen Tropfen und dann füllt sich das gute Ding in einer Nacht. Ich war selber erstaunt, was es mir für eine Freude bereitete, in meinem Haus einen Wasserhahn aufzudrehen. Das merke ich bei jedem Stromausfall. Wenn man kein Licht hat, kann man sich darauf einstellen. Dann wird es eben ein Abend im Kerzenlicht. Mein Gasherd funktioniert trotzdem, ich muss nur mit einem Streichholz zünden. Wirklich mühsam ist  jedoch jedes Mal, dass die Wasserpumpe nicht mehr funktioniert. Das heißt, dass ich nicht duschen kann, die Toilette nicht benutzen kann und auch sonst kein Wasser habe.

Mitte März hatte ich also wieder Wasser und war anschließend zwei Tage mit erfreulichen Arbeiten wie Waschen und Putzen beschäftigt.

In der ersten Aprilwoche kam mein Vater. Ich war nach Lae gefahren, um ihn vom Flughafen abzuholen. Er kam an einem Freitag und flog wieder am Samstag der folgenden Woche. Wir hatten fünf Tage in Finschhafen, die wir wirklich nutzten. Am Sonntag hatte er das große Glück, eine sogenannte „Amamas nait“ miterleben zu können. Ein Guestteacher, welcher drei Monate hier gewesen war, hatte zum Abschied ein Schwein gestiftet. Um dieser Geste einen würdigen Rahmen zu geben, organisierte ein Komitee einen „Freuden Abend“. Es gab das besagte Schwein, welches auf 300 Leute verteilt wenig ausmachte. Auf dem Tisch landete letztendlich alles. Kiefer, Pfoten und so weiter.  Zur Unterhaltung wurden diverse Singsings (traditionelle Tänze und Gesänge) und Ähnliches aufgeführt. Ein rundum gelungener Abend.

Seit Mitte Februar fährt die Fähre nach Lae nicht mehr. Leck am Rumpf, seitdem ist sie in irgendeinem Trockendock in Madang verschwunden. Jede Fahrt nach Lae birgt nun ein gewisses Risiko, da man mit den kleinen Speedboats fahren muss. Erstens weiß man nie, wann sie losfahren. Vor allem in Lae dauert es meist, bis Boote und Skipper fertig zur Abfahrt sind. Meist muss man erst bezahlen, bevor irgendeiner loslaufen kann, um Benzin zu kaufen. Die Schlange an der Tankstelle ist dann sehr lang – oder es gibt gar nichts. Dann müssen sie irgendwo anders Benzin besorgen. In der Regel wartet man drei Stunden. Man wartet und wartet, wie so oft. Meine letzte Speedboatfahrt war keine Freude, das Schiff war vollkommen überladen. Ich bat den Skipper besonders nah am Ufer zu bleiben und überlegte mir für alle Fälle, welches Kind ich mir greifen würde.

Da die Speedboote bei Regen meist nicht fahren, auch nicht, wenn die See zu bewegt ist, muss man immer noch mindestens einen Puffertag einbauen. Obwohl das Flugzeug meines Vaters erst am Samstag abfliegen sollte, mussten wir bereits am Donnerstag aufs Speedboot. So hatten wir noch einen Tag in der wunderschönen Weltstadt Lae. Eine Ernennung der Stadt als Weltkulturerbe der UNESCO betrachte ich als längst überflüssig!;)

Am Samstag flog mein Vater. Ich bestieg einen der kleinen Busse und fuhr ins Hochland.

Im September bin ich bereits zwei Tage dort gewesen. Auch dieses Mal war ich erstaunt, wie anders es dort ist. Das Klima gleicht dem eines nordeuropäischen Frühlings, die Vegetation ist eine andere. Mittlerweile kann ich auch einen Unterschied in dem Aussehen der Menschen erkennen. Vor allem die älteren Menschen unterscheiden sich in ihrem Äußeren von den Küstenbewohnern. Eine Woche blieb ich in der Stadt Goroka. Die Vormittage verbrachte ich in einem Institut, welches sich mit Forschungen und Veröffentlichungen zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen Melanesiens beschäftigt. Das melanesische Institut, welches von vier christlichen Kirchen geführt wird, verfügt über eine sehr große und umfangreiche Bücherei. In dieser Bücherei verbrachte ich viel Zeit, nachmittags war ich meist in der Stadt unterwegs. Ich konnte mich mit dem System vertraut machen und las viel. Immer wieder kann ich es kaum glauben, dass im Hochland Neuguineas vor knapp 75 Jahren noch steinzeitähnliche Zustände herrschten. Mitte der 30er Jahre kamen die ersten Weißen, drei australische Goldsucher. Einer der drei war ein begeisterter Filmer. Teile seines Materials konnte ich mir ansehen.

Goroka ist deutlich kleiner als Lae. In der Mitte der Stadt liegt der Flugplatz, es scheint, als habe man die Stadt um den Flugplatz herum angelegt. Anders als in Lae kann man sich in Goroka auch als Weißer fast überall frei bewegen. Das tat ich zumindest.

Besonders faszinierte mich der Markt. Aufgrund des angenehmen Klimas wächst im Hochland fast alles. Von solch einem vielfältigen Angebot kann ich hier nur träumen.

 

Das Osterfest verbrachte ich wieder zu Hause. Nach einem etwas unangenehmen Erlebnis in Lae war ich wieder gut angekommen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Ostern in einem Dorf hinter dem Sattelberg zu verbringen, doch verunglückte eines der Autos, weswegen die ganze Aktion abgeblasen wurde. Die Ruhe tat mir gut, die Zeit im Hochland und die Fahrt zurück waren anstrengend gewesen.

Nun bin ich wieder hier und stehe mit beiden Beinen in meinem Alltag. Ich habe mehr als genug zu tun, was ich gutheiße. In der Bibliothek weht nun ein frischer Wind, mein Unterricht läuft gut. Zurzeit behandeln wir Summaries. Die Kinder im Kindergarten sind mehr als friedlich. Vor meiner Fahrt ins Hochland hatte ich einen Tag mit Prügeleien und Hosenpinklern erlebt. Leider gingen alle Vergehen auf mein Konto, ich hatte nicht nachgedacht. In einer Ecke des Lagerraumes hatte ich eine Kiste mit Gummitieren gefunden. Kröten, die quietschen, wenn man ihren Bauch eindrückt, Grashüpfer, Krokodile und Echsen. Ich malte mir erfreute Kindergesichter aus, verursachte jedoch eine Massenpanik. Die Kleinen konnten die Gummitiere nicht einordnen, besonders das Krokodil und einige der Echsen sorgten für große Aufregung. Zwei Jungen trauten sich, das Spielzeug anzufassen. Als die Jungs den anderen zwei der Tiere näherbringen wollten, stand ein Knabe im eigenen Saft, bei den anderen flogen die Fäuste. Während ich dabei war, den Pinkler über die Brüstung zu halten, beruhigte man sich wieder. Zumindest etwas. Es war mir unangenehm, am nächsten Tag ein kleines Mädchen mit geschwollenem Lid begrüßen zu müssen. Meine Lektion habe ich erhalten, nun spielen wir wieder mit Holzklötzchen..;) Gewalt im Kindergarten, auch in Deutschland durchaus ein Thema. Die Akte meiner Familie ist diesbezüglich nicht die sauberste…

Seit ein paar Wochen gibt es in Neuguinea keinen Zucker mehr. Die einzige Fabrik des Landes sattelt auf Ölpalmen um. Damit lässt sich mehr Geld verdienen. Importe gibt es bisher nicht, die Regierung verhängte vor Jahren auf Zucker eine 70 prozentige Importsteuer. Nun habe ich oft Menschen aus den Nachbardörfern bei mir vor der Tür, die um Zucker betteln. Tee ohne Zucker – unmöglich!

Neulich kam ein alter Mann. Grundsätzlich wird niemals geklopft, man macht sich immer anders bemerkbar. Der Alte hustete so laut er konnte. Er sei sehr krank, versuchte er mich zu überzeugen. Husten/Erkältung, sein Tok Pisin war nicht ganz klar. Ich sagte ihm, er solle heißen Tee trinken, das würde helfen. Das wisse er, doch habe er keinen Zucker und könne also keinen Tee trinken. Als er erfuhr, dass auch meine Zuckervorräte erschöpft sind, sagte er, dass er dann wohl sterben werde. Nochmal riet ich ihm zu heißem Tee und Ruhe, dann ging der Alte seiner Wege. In Finschhafen trinkt man keinen Tee, nein, hier heißt es Kande Kulum. Kande macht Sinn, warum es Kulum heißt, weiß ich nicht. Keinen Tee mit Zucker, Zucker mit Tee. Pro Becher 5 bis 6 gehäufte Teelöffel. Die Alten sind diesbezüglich die Schlimmsten. Die ältere Generation Neuguineas erlebt gerade bittere Zeiten.

In den letzten Wochen erlebte ich die Natur von vielen Seiten. Über Ostern fiel kein Tropfen Regen, den ganzen Tag schien die Sonne und es war wahnsinnig heiß.

Nun regnet es seit zwei Tagen fast ununterbrochen. So langsam beginnt hier die Regenzeit, einen kleinen Vorgeschmack habe ich bekommen. Alles ist feucht und klamm. Das Bettlaken, in welchem ich morgens aufwache, vor allem jedoch das Papier. Im Juni wird der Regen wohl richtig einsetzen.   

Seit zwei Wochen gibt es hier regelmäßig Erdbeben. Oft wackelt die Erde leicht, manchmal sind die Stöße jedoch sehr stark. Dann wackelt plötzlich alles, das Geschirr klimpert, einige Dinge fallen um. Wenn ein starker Stoß kommt, dann plötzlich. Passend, dass ich gerade in diesem Moment darüber schreibe, gerade eben wackelte die Erde besonders stark. Ich erschrecke mich jedes Mal, immer wieder dieses Gefühl, nichts kontrollieren zu können. Besonders nachts.  

 

Ich habe begonnen, mich mit der Zeit nach Neuguinea auseinanderzusetzten. Als ich kam, war das alles so weit weg, nun bleibt mir hier nicht mehr viel Zeit. Im Mai ist jedes Wochenende verplant, auch im Juni werde ich viel um die Ohren haben. Nach wie vor glaube ich, dass sich die Uhr hier schneller dreht… Die Verkündung der Ergebnisse unseres schriftlichen Abiturs liegt bald ein Jahr zurück. Ich hoffe sehr, dass der jetzige Abi Jahrgang seinen Rest Schulzeit ebenso genießt und es ordentlich krachen lässt! Natürlich wünsche ich allen viel Glück beim Mündlichen, auch wenn dieses erst im Juni ist.

So, jetzt gibt es noch einen Kaffee und ein Brot, ich habe gestern Abend gebacken, und dann geht es zu meiner Pinkelgruppe. Es regnet und regnet….

 

Ganz liebe Grüße